Ein Abendgewitter im Urlaub ist keine Katastrophe. Es ist eine Unterbrechung — kurz, laut, nach nasser Erde riechend — und danach ist alles ein bisschen anders. Meistens besser. Immer nasser.
Man kann ein Gewitter nicht planen. Man kann höchstens die Wäsche rechtzeitig reinholen, was statistisch gesehen selten gelingt. Der Rest ergibt sich: die Kinder werden nass, jemand rennt, der Donner ist näher als man dachte, und am Ende sitzt die Familie mit Tee und Kerzen drinnen und redet — ohne dass das jemand so geplant hatte.
Abschnitt 1
Die Ankündigung
Es beginnt mit dem Himmel. Der Himmel, der den ganzen Tag verlässlich blau war, bekommt gegen halb sechs eine neue Farbe am Rand — ein gedämpftes Lila, das an einer Ecke hängt und aussieht wie eine Wolke, die noch nicht weiss, ob sie eine richtige Wolke sein will. Jemand schaut kurz hin. Jemand sagt: «Das zieht vielleicht noch vorbei.» Niemand steht auf. Es ist noch warm. Der Liegestuhl ist noch bequem. Das Buch ist noch spannend. Man wartet, was passiert. Was passiert, ist dass die Wolke innerhalb von zwanzig Minuten zu vier Wolken wird, die sich versammeln wie Familienmitglieder am Abend: langsam, unkoordiniert, und irgendwann plötzlich alle auf einmal.
Ich hatte das Regenradar auf dem Telefon geöffnet. Ich hatte gesagt, es seien noch zwölf Minuten. Niemand hat mich gehört. Ich habe dann selbst die Liegestuhlkissen reingetragen.
Abschnitt 2
Die Wäsche
In jedem Ferienhaus gibt es eine Wäscheleine. Auf dieser Wäscheleine hängen immer, in dem Moment, in dem das erste Wetterleuchten sichtbar wird, genau die Sachen, die am nächsten Morgen gebraucht werden: die Badesachen der Kinder, ein Lieblings-T-Shirt, ein Handtuch, das man eigentlich nie wieder nass haben möchte. Jemand rennt. Das ist das richtige Wort: rennt, nicht geht, nicht läuft. Rennt über den Rasen, mit beiden Armen ausgestreckt, als könnte man die Wäsche durch reine Körpermasse retten. Die ersten Tropfen fallen genau dann, wenn man zwei Drittel der Leine abgenommen hat. Die letzten Socken werden nass. Das war die ganze Zeit klar, und trotzdem rennt man.
Ich habe die Wäsche schon um vier reingeholt. Nicht weil ich das Wetter gewusst hätte, sondern weil Socken auf der Leine grundsätzlich ein Risiko sind. Meine Socken sind trocken.
Abschnitt 3
Die Kinder
Die Kinder haben eine andere Beziehung zum Gewitter als Erwachsene. Während Erwachsene auf die Wäsche, die Liegestühle, den Grill (der offen steht), das Buch (das auf dem Tisch liegt), das Handtuch (das noch nass ist), die Schiebetür (die klemmt) und das Telefon (das keinen Empfang hat) denken, stehen die Kinder am Rand der Terrasse und halten die Hände in den ersten Regen. Es ist warm, und der Regen ist warm, und der Wind riecht nach Sommer und nach etwas, das man nicht benennen kann, aber das man sehr gut kennt. Das jüngere Kind dreht sich im Kreis. Das ältere Kind öffnet den Mund und lässt Regentropfen drauf fallen, obwohl man das vor einer Stunde noch «unhygienisch» genannt hätte. Beide sind nass. Beide stört das überhaupt nicht.
Ich habe den Kindern gesagt, dass Regenwasser sauber ist. Das war fachlich nicht ganz richtig, aber es war das Richtige zu sagen.
Abschnitt 4
Das Blitz-Zählen
Wenn es das erste Mal blitzt, fängt das Zählen an. Das ist ein universelles Familienritual, das niemand erklärt hat und alle kennen: blitzen, zählen, donnern, durch drei teilen, Kilometer ausrechnen. Die Zahlen variieren stark. Das eine Kind kommt auf acht Kilometer, das andere auf vier. Jemand erklärt, dass man bis drei zählen soll, nicht bis fünf. Jemand erklärt, dass man bis fünf zählen soll, nicht bis drei. Es blitzt wieder. Alle zählen gleichzeitig und laut, auf verschiedene Arten, und der Donner kommt, und niemand ist sich einig, wie weit weg das war. Alle sind sich einig, dass es näher kommt. Das stimmt: Es kommt näher. Das ist eigentlich das Einzige, was man zuverlässig weiss.
Die korrekte Formel ist: Zeitdifferenz in Sekunden geteilt durch 3 ergibt Kilometer. Ich habe das zweimal erklärt. Wir haben dann trotzdem durch verschiedene Zahlen geteilt. Das Gewitter hat uns trotzdem gefunden.
Abschnitt 5
Danach
Das Gewitter dauert vierzig Minuten. Vierzig Minuten, in denen alle drinnen sind, jemand Tee macht, die Kinder am Fenster sitzen und den Regen beobachten, und jemand sagt: «Eigentlich ist es schön, mal so ein Gewitter zu haben.» Das stimmt. Es ist schön. Die Luft danach ist kühler, und der Garten riecht nach nassem Gras, und die Liegestühle, die jemand doch noch reingezogen hat, sind trocken. Die nassen Badesachen hängen über dem Badezimmerheizkörper, der an einem Augustabend eigentlich nicht an sein sollte, aber heute Abend trotzdem angemacht wurde. Es wird etwas früher dunkel als geplant. Jemand holt Kerzen. Jemand anderes macht das Radio an. Die Kinder fragen nicht nach dem Programm. Das Gewitter hat alles umgeplant, und irgendwie war der Abend danach der ruhigste des Urlaubs.
Ich habe die Kerzen schon am Anreisetag in die Schublade gelegt, für genau diesen Fall. Ich sage das jetzt, weil sonst niemand es sagen würde.
Was das Gewitter leistet
Ein Gewitter macht dasselbe wie ein guter Kompromiss: Es räumt den Tisch ab und setzt alle an denselben Platz. Niemand fragt mehr, ob man in die Stadt fahren oder am Pool bleiben soll. Das Gewitter hat entschieden. Man ist drinnen, man ist zusammen, und das ist eigentlich gut so.
Bei planaway lässt sich vorher abstimmen, was bei schlechtem Wetter passiert — Gesellschaftsspiele, Museum, Kinoabend oder einfach nichts. Eine schnelle Runde Daumen hoch oder runter, und wenn das Gewitter kommt, weiss man schon, was alle wollen. Die Wäsche muss man trotzdem selbst reinholen. Das ist nicht planbar, und das ist auch gut so.

Murmeli hat den Schirm schon aufgespannt, bevor die ersten Tropfen fielen. Murmeli hat auch Tee. Murmeli hat an alles gedacht. Murmeli ist Murmeli.

