Das WLAN-Passwort steht auf einem laminierten Zettel unter dem Kühlschrankmagneten mit dem Leuchtturm. Es hat 28 Zeichen. Drei davon sind nicht sicher voneinander zu unterscheiden. Das ist der Anfang aller Dinge.
In jedem Ferienhaus der Welt gibt es diesen Moment: Man kommt an, die Koffer stehen noch in der Diele, und bereits sucht jemand das WLAN-Passwort. Nicht weil man nicht ohne Internet leben kann. Sondern weil es das erste gemeinsame Projekt des Urlaubs ist — und weil man wissen will, ob das Signal bis zur Terrasse reicht.
Abschnitt 1
Der Zettel
Beim Einzug ins Ferienhaus sucht man als erstes drei Dinge: den Lichtschalter, das WC und das WLAN-Passwort. Den Lichtschalter findet man nach dreissig Sekunden. Das WC nach einer Minute. Das Passwort nach fünfzehn Minuten, auf einem kleinen Zettel, laminiert, unter einem Kühlschrankmagneten, der einen Leuchtturm zeigt, der nichts mit dem aktuellen Reiseziel zu tun hat. Das Passwort ist: HausObermayer2019!#xQT3. Oder war es ein grosses O oder eine Null? Man tippt beides. Man tippt es zweimal rückwärts, weil man nicht mehr sicher ist. Das siebte Gerät, das man damit versucht zu verbinden, fragt, ob der Netzwerkname korrekt ist. Dabei hat man nie am Netzwerknamen gezweifelt.
Ich habe das Passwort beim ersten Versuch richtig. Das erwähne ich, weil es sonst niemand tut.
Abschnitt 2
Das Signal
Das Ferienhaus hat ein WLAN. Das WLAN hat ein Signal. Das Signal ist allerdings der Meinung, dass es hauptsächlich im Treppenhaus gebraucht wird — genau zwischen Erdgeschoss und erstem Stock, dort wo man normalerweise nur durchgeht. Im Wohnzimmer: zwei Balken. Auf der Terrasse: ein Balken, manchmal. Im Schlafzimmer hinten links: keiner. Einer der Erwachsenen entdeckt nach zwanzig Minuten, dass der Router im Abstellraum steht, hinter einer Holzkiste mit Gesellschaftsspielen aus den Neunzigern. Er zieht ihn drei Zentimeter vor. Danach hat das Wohnzimmer drei Balken. Alle klatschen kurz. Dann merkt man, dass das Tablet immer noch lädt.
Ich habe drei Zentimeter gemessen. Es waren eher zwei. Trotzdem hat es funktioniert. Ich sage das nicht gern.
Abschnitt 3
Die Bandbreite
Zwölf Geräte in einem Ferienhaus teilen sich eine Internetverbindung, die für eine Familie von drei Personen aus dem Jahr 2019 ausgelegt wurde. Das ältere Kind möchte streamen. Das jüngere möchte ein Spiel herunterladen, das 4,2 Gigabyte gross ist. Ein Erwachsener ist «kurz im Homeoffice», nur für eine E-Mail, es dauert fünf Minuten. Der andere Erwachsene macht nichts, schaut aber alle zehn Minuten nach, ob die Verbindung besser geworden ist. Das Tablet lädt noch. Es lädt jetzt seit vierzig Minuten. Auf dem Bildschirm dreht sich ein Kreis. Der Kreis hat Geduld. Die Familie weniger.
4,2 Gigabyte. Im Urlaub. Ich habe nichts gesagt. Ich denke mir nur sehr laut etwas.
Abschnitt 4
Der Neustart
Irgendwann schlägt jemand vor, den Router neu zu starten. Das ist immer ein kollektiver Akt: alle schauen zu, wie das Gerät die Lichter ausschaltet, einen Moment wartet — in dem alles möglich wäre, auch ein besseres Leben — und dann wieder hochfährt. Dreissig Sekunden Stille. Dann verbinden sich alle Geräte nacheinander neu, wie eine Familie, die nach einem langen Streit wieder an einen Tisch setzt. Das WLAN ist danach nicht schneller. Aber es fühlt sich einen Moment lang so an, als hätte man etwas getan.
Der Neustart hat psychologisch mehr geholfen als technisch. Das ist manchmal genug.
Abschnitt 5
Der Abend danach
Am zweiten Abend hat das Kind das Spiel heruntergeladen. Es hat die ganze Nacht gebraucht, aber der Fortschrittsbalken war morgens voll. Das ältere Kind hat die dritte Folge der Serie irgendwann aufgehört zu streamen und stattdessen ein Buch gelesen, was seit zwei Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Einer der Erwachsenen hat die E-Mails am nächsten Morgen früh erledigt, als alle noch schliefen und die Verbindung allein gehörte. Und auf der Terrasse, wo manchmal ein Balken war, haben zwei Erwachsene ohne Bildschirme gesessen und die Berge angeschaut. Nicht weil sie es wollten. Sondern weil das WLAN dort nicht ging. Manchmal hängt ein guter Urlaub an zwei Balken weniger.
Ich habe das notiert: schlechtes WLAN → Buch gelesen → Berge angeschaut → niemand beschwert sich danach. Ich werde das wieder vergessen. Nächstes Jahr werde ich wieder das Passwort tippen.
Was das WLAN eigentlich bedeutet
Das Ferienhaus-WLAN ist kein Komfort-Feature. Es ist ein Verhandlungsgegenstand. Wer bekommt wann wie viel Bandbreite? Wer darf herunterladen, wer muss warten? Wer sitzt abends im Treppenhaus, weil dort der einzige Ort ist, von dem aus man vernünftig telefonieren kann? Diese Fragen löst man nicht mit einem Router-Neustart. Man löst sie mit einem Plan — oder man löst sie gar nicht und redet drei Jahre später noch davon.
Bei planaway kann man das WLAN nicht abstimmen lassen. Aber man kann im Voraus klären, welche Haushalte abends Bildschirmzeit brauchen, wer im Homeoffice erreichbar sein muss und wann der beste Moment für eine Familienrunde ohne Gerät wäre. Das ist ungefähr das Gegenteil vom Zettel unter dem Kühlschrankmagneten — und meistens deutlich weniger aufregend. Aber auch weniger stressig.

Murmeli hat kein Gerät. Murmeli braucht kein WLAN. Murmeli liest ein Buch und schaut die Berge an und fragt sich, warum alle anderen so beschäftigt aussehen. Murmeli lebt gut.

