11. September 2026 · 5 Min Lesezeit

Das Lagerfeuer: Wenn die Familie um ein kleines Feuer sitzt und es trotzdem nicht einfach ist

Handgezeichnete Kinderbuch-Szene: Eine Familie sitzt abends um ein kleines Lagerfeuer im Ferienhausgarten, Kinder halten Marshmallow-Stöcke ins Feuer, ein Erwachsener versucht mit einem feuchten Holzstück das Feuer anzufachen, Murmeli sitzt auf einem Baumstumpf mit konzentriertem Blick und einem Marshmallow-Stick

Ein Lagerfeuer am Abend ist keine komplizierte Sache. Man braucht Holz, Feuer und Menschen, die drum herum sitzen. Kompliziert wird es erst dann, wenn das Holz feucht ist, das Feuerzeug unklar, die Stöcke knapp und der Rauch entschieden hat, dass er genau in deine Augen zieht. Aber dann brennt es. Und dann ist es alles, was man sich vorgestellt hat.

Das Lagerfeuer ist eines der wenigen Dinge im Familienurlaub, bei dem niemand fragt, was als nächstes kommt. Man sitzt einfach. Man schaut hin. Man redet oder redet nicht. Die Kinder riechen am nächsten Morgen noch nach Rauch, und das ist kein Problem — es ist ein Beweis.

Abschnitt 1

Die Idee

Das Lagerfeuer ist immer die Idee von jemandem, der das letzte Mal als Kind am Lagerfeuer sass. Diese Person sagt am Nachmittag: «Heute Abend machen wir ein Lagerfeuer», und alle nicken enthusiastisch, weil ein Lagerfeuer in der Theorie eine wunderbare Sache ist. In der Theorie ist es warm, gemütlich, romantisch. Man sitzt zusammen, man redet, die Kinder sind müde und zufrieden, der Sternenhimmel öffnet sich über einem. In der Theorie brennt das Feuer auch einfach so, sobald man ein Streichholz hinhält.

Grummeli kommentiertIch habe nichts gesagt. Ich habe nur kurz rausgeschaut und gemerkt, dass es seit gestern geregnet hatte. Ich habe trotzdem nichts gesagt. Das war mein Fehler.

Abschnitt 2

Das Holz

Das Holz liegt irgendwo. Irgendwo beim Geräteschuppen, sagt die Vermieterin, da links. Das Holz liegt tatsächlich dort, neben einem verwitterten Rasenmäher und einer Kiste mit Dingen, die niemand mehr zuordnen kann. Das Holz ist feucht. Nicht sehr feucht, aber genug, um die erste halbe Stunde des Abends zu bestimmen. Jemand erklärt, man müsse dünne Späne zuerst nehmen und dann grösseres Holz drauflegen. Jemand anderes erklärt, dass man zuerst Zeitungspapier brauche. Man hat kein Zeitungspapier. Man nimmt einen alten Einkaufszettel. Das reicht nicht. Man nimmt die Programmvorschau aus dem Ferienhaus-Infoordner. Das reicht auch nicht. Das Feuer brennt kurz und erlischt wieder.

Grummeli kommentiertIch hatte Anfeuerholz im Auto. Ich hatte es für genau diesen Fall eingepackt. Gefragt wurde ich nicht. Das Anfeuerholz liegt noch im Auto.

Abschnitt 3

Die Kinder und die Marshmallows

Die Kinder haben die Marshmallows bereits geöffnet, bevor das Feuer brennt. Das ist kein Problem, erklärt das älteste Kind, man könne die Marshmallows auch kalt essen. Das stimmt. Man kann. Es ist trotzdem nicht dasselbe. Als das Feuer schliesslich brennt — klein, wackelig, aber vorhanden — beginnt das Rennen um die Stöcke. Es gibt vier Stöcke und fünf Kinder. Das fünfte Kind bekommt einen Ast, der zu kurz ist und es entsprechend nah ans Feuer führt. Jemand schreitet ein. Der Ast wird gegen einen längeren Ast getauscht. Der längere Ast ist gebogen, der Marshmallow hängt seitlich und fällt ins Feuer. Das Kind schaut dem fallenden Marshmallow nach. «Nochmal», sagt das Kind.

Grummeli kommentiertIch habe gezählt. Sechzehn Marshmallows wurden verzehrt, bevor das Feuer richtig brannte. Das ist mathematisch gesehen das Dessert vor dem Dessert.

Abschnitt 4

Das Sitzen

Man sitzt um ein kleines Feuer in einer Runde und redet. Das ist der Kern der Sache, und der Kern funktioniert erstaunlich gut. Das Feuer ist eine gemeinsame Aufmerksamkeit — alle schauen hin, alle sind beschäftigt, und zwischen dem Hinschauen entstehen Gespräche, die sich anders anfühlen als drinnen am Tisch. Jemand erzählt etwas aus der Schule, jemand anderes hat eine Frage gestellt, die er sich schon länger aufgespart hat. Die Kinder reden mit den Erwachsenen wie mit Gleichgestellten, weil sie alle auf dem gleichen Holzscheit sitzen und alle gleich nach Rauch riechen. Nur das Rauchen weiss nichts von der romantischen Idee dahinter: Es zieht konsequent in die Augen, egal wie oft man die Sitzposition wechselt.

Grummeli kommentiertDer Rauch ist heute Abend dreimal in meine Augen gezogen. Ich habe jedes Mal die Seite gewechselt. Der Rauch hat jedes Mal mitgewechselt. Ich führe darüber keine Liste. Das wäre zu viel.

Abschnitt 5

Das Ende

Das Feuer geht langsam aus. Es geht nie dramatisch aus, es hört einfach auf zu leuchten, und dann sitzt man im Dunkeln und merkt, dass es schon halb zehn ist und die Kinder eigentlich schon schlafen sollten. Jemand fragt, ob man noch etwas auflegen soll. Das Holz ist aus. Jemand holt noch ein Stück. Das Feuer flackert kurz, dann ist es wieder klein. Man lässt es so. Die Kinder werden ohne Protest ins Bett gebracht, was selten passiert und hiermit dokumentiert sei. Sie riechen nach Rauch. Sie fallen sofort ein. Draussen glimmt es noch kurz nach, ein orangefarbenes Auge im Gartendunkel, und dann ist die Nacht ganz still.

Grummeli kommentiertDas war ein guter Abend. Das ist alles, was ich dazu sagen werde. Morgen hole ich das Anfeuerholz aus dem Auto.

Was das Lagerfeuer kann

Ein Lagerfeuer schafft das, was ein Ausflugsprogramm nicht kann: Es schafft einen Abend ohne Plan. Man sitzt, das Feuer bestimmt das Tempo, und niemand muss entscheiden, was als nächstes kommt. Das ist seltener als es klingt.

Bei planaway lässt sich der Abend vorher abstimmen — Lagerfeuer ja oder nein? Marshmallows oder Stockbrot? Wer bringt das Holz rein, wer holt das Feuerzeug? Kleine Absprachen, damit der Abend nicht damit anfängt, dass sieben Menschen ratlos vor einem Geräteschuppen stehen. Das Feuer selbst brennt dann trotzdem wie es will. Das ist sein gutes Recht.

Murmeli sitzt am Lagerfeuer mit einem perfekt gebräunten Marshmallow

Murmeli hat seinen Marshmallow goldbraun geröstet, gleichmässig, ohne Feuer, ohne Tropfen. Murmeli hat danach niemanden damit aufgezogen. Das ist Charakter.

Grummeli mit Rauch in den Augen und Espresso