Sieben Quadratmeter Holzdielen, zwei Plastikstühle, ein wackelnder Tisch — und trotzdem verbringt man auf dem Ferienhaus-Balkon mehr Zeit als im ganzen Rest der Wohnung zusammen. Der Balkon ist der eigentliche Mittelpunkt des Urlaubs. Wer das noch nicht wusste, weiss es nach dem ersten Frühstück draussen.
Die Erfahrung lehrt: Es gibt immer einen Klappstuhl irgendwo. Der Klappstuhl klappt manchmal von selbst zu. Man sitzt trotzdem drauf, weil der Balkon besser ist als drin. Das gilt auch für die Mittagshitze, für den Abendwind und für den Moment kurz nach dem Aufstehen, wenn man den ersten Kaffee mit Aussicht trinkt und kurz vergisst, dass man die Marmeladendose auf dem Geländer abgestellt hat.
Abschnitt 1
Die Entdeckung
Beim ersten Betreten der Ferienwohnung geht jemand sofort auf den Balkon. Das ist keine bewusste Entscheidung — es passiert einfach. Die Tür steht halb offen, die Aussicht ruft, und noch bevor der Koffer abgestellt ist, steht man draussen und schaut. Dann kommt jemand anderes und schaut auch. Dann noch jemand. Innerhalb von drei Minuten stehen alle auf dem Balkon gleichzeitig, die Koffer noch im Vorraum, und jemand sagt: Schön, oder? Alle nicken. Dann beginnt die stille Kalkulation. Zwei Stühle, vier Personen. Ein Tisch, der wackelt, wenn man die Ellbogen draufstützt. Eine Schiene aus Kunststoff, die als Geländer dient und an der man sich nicht wirklich anlehnen sollte. Und eine Aussicht, die tatsächlich sehr schön ist — Berge, Tal, irgendwo ein Kirchturm — und von der man noch viel sehen wird. In den nächsten zwei Wochen. Wer die Stühle bekommt, ist in diesem Moment noch offen.
Ich habe die Stellfläche gemessen. 6,8 Quadratmeter nutzbare Balkontiefe. Theoretisch vier Stühle möglich, wenn man einen aus der Küche holt. Ich habe den Küchenstuhl geholt. Er steht jetzt draussen. Ich sitze darauf.
Abschnitt 2
Die Frage der Stühle
Es gibt zwei Stühle. Manchmal sind es drei, wenn man den Klappstuhl findet, der hinten in der Abstellkammer hinter dem Besen steht. Der Klappstuhl hat eine Besonderheit: Er klappt sich gelegentlich zusammen, ohne dass jemand darum gebeten hat. Wer auf dem Klappstuhl sitzt, weiss das. Trotzdem ist er besser als kein Stuhl. Der Bestuhlungskonflikt löst sich nach ein bis zwei Tagen durch stillschweigende Übereinkunft: Es gibt Frühaufsteher-Zeiten, in denen der Balkon einem gehört, weil die anderen noch schlafen. Es gibt Mittag, wenn die Sonne die Plastikstühle so aufheizt, dass man sowieso lieber drin sitzt. Und es gibt den Abend, wenn sich alle draussen zusammenfinden und irgendwie Platz ist — auf dem Geländer sitzend, auf mitgebrachten Handtüchern, auf dem umgedrehten Blumentopf, den jemand als Hocker entdeckt hat. Der Balkon ist kleiner als zu Hause jeder Garten, und doch verbringt man mehr Zeit draussen als das ganze übrige Jahr.
Ich habe einen Nutzungsplan erstellt. Morgens 6–8 Uhr: ich. 8–10 Uhr: wer auch immer sonst aufsteht. Ab 10 Uhr: freie Belegung. Der Plan wurde nie offiziell kommuniziert. Er hat trotzdem funktioniert.
Abschnitt 3
Das Frühstück
Das Frühstück auf dem Balkon ist das erklärte Ziel aller Urlaubsfrühstücke. Man stellt sich das vor: Kaffee, Croissants, Sonnenlicht, Aussicht, vielleicht eine Zeitung oder zumindest das Handy in Ruhe. In der Realität ist der Balkontisch für vier Personen zu klein. Die Marmeladendose steht auf dem Geländer. Das Brot liegt auf einem Teller, der zu gross für den Tisch ist und auf dem Schoss balanciert. Jemand stösst mit dem Ellbogen die Kaffeekanne an. Die Kaffeekanne fällt nicht um — diesmal nicht — aber das Bewusstsein, dass sie umfallen könnte, ist jetzt da. Ein Kind lehnt zu weit über das Geländer, um zu schauen ob die Katze von gestern noch auf der Treppe sitzt. Die Katze sitzt nicht mehr da. Trotzdem ist das Frühstück sehr schön. Man sitzt draussen, es riecht nach Sommer, jemand macht ein Foto von der Aussicht, und für fünfzehn Minuten spricht niemand. Das ist der Grund, warum man nächstes Jahr wieder einen Balkon buchen wird.
Ich habe einen Untersetzer unter die Kaffeekanne gelegt. Ausserdem eine Serviette unter den Marmeladendeckel. Niemand hat bemerkt, dass ich das getan habe. Die Kaffeekanne ist nicht umgefallen.
Abschnitt 4
Die Mittagshitze
Um elf Uhr wird es auf dem Balkon warm. Um zwölf ist es heiss. Um halb eins sitzen nur noch die Hartgesottenen draussen — mit Sonnenhut, Sonnencreme, einem Getränk das zu schnell warm wird. Die anderen sind drin, im Schatten der Ferienwohnungs-Jalousien, beim Mittagsschlaf oder beim Lesen. Der Balkon gehört in dieser Zeit meist den Kindern, die die Hitze grundsätzlich nicht wahrnehmen, und einem Erwachsenen, der es einmal ausprobiert und sich nach zwanzig Minuten mit leichtem Sonnenstich-Gefühl wieder nach drinnen begibt. Am frühen Nachmittag dreht die Sonne, der Balkon bekommt Schatten, und die zweite Schicht beginnt. Frische Getränke, frische Stühle, frisches Gespräch. Der Balkon ist nicht eine Ressource — er ist mindestens zwei: eine Morgenressource und eine Nachmittagsressource. Das vereinfacht alles.
Ich sitze von 14:30 bis 16:45 draussen. Optimales Licht, kein direkter Sonneneinfall mehr, angenehme Temperatur. Das ist die beste Balkonstunde des Tages. Ich teile diese Information nicht aktiv. Ich besetze den Stuhl rechtzeitig.
Abschnitt 5
Der Abend
Am Abend ist der Balkon am schönsten. Das Licht ist golden, die Temperatur gut, die Aussicht hat sich nicht verändert aber man sieht sie anders. Jemand bringt ein Glas raus. Dann noch eines. Die Kinder holen ihre Karten und spielen auf dem Boden — das geht, wenn man die Beine anzieht. Jemand setzt sich auf das Geländer und merkt, dass das eigentlich nicht erlaubt ist, bleibt aber trotzdem. Es ist laut von der Strasse oder von den Nachbarskindern oder von einem Grillabend drei Balkone weiter, aber das ist in Ordnung. Man ist draussen. Man ist zusammen. Und der Balkontisch, der wackelt, steht jetzt gerade genug, um darauf anzustossen. Man stösst an. Irgendwann merkt jemand, dass es schon halb zehn ist. Dann geht man rein, oder auch nicht. Das ist das Schöne am Urlaub: Man kann auch auf dem Balkon sitzen bleiben. Einfach so.
Ich habe das Abendlicht um 20:17 Uhr fotografiert. Vergoldete Bergkuppe, weiche Schatten, ein Ziegenglöckchen von irgendwo. Ich habe drei Fotos gemacht. Keines war gut genug. Ich habe noch vier gemacht. Das dritte davon war in Ordnung.
Was das mit gemeinsamer Planung zu tun hat
Der Balkon-Konflikt ist harmlos — aber er hat dieselbe Struktur wie alle grossen Urlaubsfragen: Wer bekommt was, wann, und wie einigt man sich, ohne dass jemand das Gefühl hat zu kurz zu kommen? Bei planaway lässt sich das als Abstimmungspunkt anlegen — Frühstücks-Slot, freier Nachmittag, Abendprogramm. Nicht weil man es bräuchte. Sondern weil “hab ich nicht gewusst dass du da auch raus wolltest” der häufigste Urlaubssatz ist, der sich verhindern lässt.
Den Klappstuhl holt sich trotzdem jeder selbst.

Murmeli hat den Klappstuhl aus der Abstellkammer geholt. Murmeli hat auch den Wackeluntersetzer unter den Tisch gelegt. Murmeli empfiehlt: früh aufstehen, Balkon ist dann noch frei.


