Der Spieleabend im Ferienhaus passiert meistens, wenn es regnet und wenn niemand mehr Lust auf einen weiteren Film hat. Der Spieleschrank wird geöffnet. Die Familie setzt sich. Was dann folgt, ist kein entspannter Abend, aber es ist ein guter — auf die Art, wie Abende gut sind, bei denen etwas schiefgeht und man trotzdem zusammen lacht.
Brettspiele haben etwas, das sie von anderen Urlaubsaktivitäten unterscheidet: man kann nicht einfach aufhören. Wer beim Wandern müde wird, bleibt stehen. Wer beim Baden friert, geht raus. Wer bei Ludo seinen Stein verliert, sitzt weiter am Tisch und wartet, bis er wieder dran ist. Das ist kein Nachteil. Das ist die eigentliche Qualität des Spieleabends: man bleibt zusammen, auch wenn man gerade nicht gewinnt.
Abschnitt 1
Die Spielauswahl
Der Spieleschrank im Ferienhaus ist immer eine eigene Welt. Er enthält Spiele aus verschiedenen Jahrzehnten, von verschiedenen Vorbesitzern, in verschiedenen Zuständen. Oben: ein Karton ohne Deckel, bei dem man nicht sicher ist, was drin war. Mitte: das bewährte Ludo in der roten Blechschachtel, vollständig, wie immer. Unten: drei Spiele, die alle nach ihren Schachtelgrössen klingen und von denen niemand weiss, ob die Regeln dabei sind. Die Kinder wollen Uno. Der eine Erwachsene will etwas Strategisches. Der andere möchte ein Spiel, das alle gleichzeitig spielen können, ohne dass jemand beleidigt gewinnt. Diese Schnittmenge existiert nicht. Man einigt sich auf Ludo, weil Ludo das Spiel ist, auf das man sich immer einigt, wenn die Schnittmenge nicht existiert.
Ich habe den Spieleschrank vor dem Spieleabend inventarisiert. Vollständig: vier. Unvollständig: zwei. Hoffnungslos: eines. Ich habe diese Information nicht kommuniziert. Das war die richtige Entscheidung.
Abschnitt 2
Die Regeln
Ludo hat Regeln. Die Regeln sind bekannt. Das Problem ist, dass jede Familie Ludo mit leicht anderen Hausregeln spielt, und die Hausregeln wurden nie verglichen, weil man das nicht macht, bevor man auf Urlaub fährt. Muss man eine Sechs würfeln, um anzufangen? Oder reicht eine Fünf? Was passiert, wenn man auf ein eigenes Feld trifft? Darf man das? Darf man das nicht? Das Kind auf der rechten Seite des Tisches sagt, bei ihnen zuhause darf man das nicht. Das Kind auf der linken Seite sagt, bei ihnen schon, immer. Ein Erwachsener ruft die Anleitung aus dem Schachteldeckel herbei. Die Anleitung ist auf Deutsch, Französisch, Niederländisch und einer Sprache, die aussieht wie Schwedisch, aber wahrscheinlich Norwegisch ist. Man einigt sich auf eine Regelversion. Zwei Minuten später stellt jemand eine Folgefrage, und alles beginnt von vorn.
Die Originalregel sagt: Sechs zum Ansetzen, Sechs zum Herauslassen, kein Schlagen des eigenen Steins. Ich habe die Anleitung gelesen. Niemand hat mich gefragt.
Abschnitt 3
Das Würfeln
Wenn Ludo beginnt, ist es meistens in Ordnung. Die ersten Runden gehen gut. Alle würfeln, alle ziehen, jemand kommt heraus, jemand nicht. Dann schlägt zum ersten Mal jemand einen Stein. Nicht böswillig — das ist das Spiel. Trotzdem. Das geschlagene Kind schaut den schlagenden Erwachsenen an mit einem Blick, der sagt: das war unnötig. Der Erwachsene sagt: das ist das Spiel. Das Kind sagt nichts. In der nächsten Runde schlägt das Kind den Stein des Erwachsenen zurück. Das war geplant. Jetzt lacht das Kind. Der Erwachsene lacht auch, ein bisschen weniger. Jemand würfelt drei Einsen hintereinander und sagt nichts. Die Stille nach der dritten Eins enthält mehrere ungesprochene Sätze.
Ich habe in dieser Runde viermal eine Sechs gewürfelt. Ich sage das, weil es niemand sonst sagen wird und weil es statistisch interessant ist. Es ist statistisch interessant.
Abschnitt 4
Der Streit
Der Streit kommt nicht, weil jemand schummelt. Er kommt, weil jemand meint, jemand anderes habe geschummelt, und das ist nicht dasselbe. Genauer: ein Stein wurde um ein Feld zu weit gezogen. Das Kind, dem der Stein gehört, sagt, es hat richtig gezählt. Das andere Kind sagt, es hat falsch gezählt. Ein Erwachsener bittet beide, die Felder neu zu zählen. Sie zählen. Sie kommen auf unterschiedliche Ergebnisse. Das liegt daran, dass eines vom Startfeld zählt und das andere vom Zielfeld rückwärts. Beide haben recht, nach ihrer eigenen Methode. Niemand hat recht, nach der Spielregel. Man zieht den Stein auf eine Position, auf die sich alle einigen können, auch wenn es die falsche ist. Das Spiel geht weiter. Das Kind mit dem zurückgezogenen Stein merkt sich das.
Ich habe den Zug dokumentiert. Der Stein stand auf Feld 27. Er sollte auf Feld 29 stehen. Er steht jetzt auf Feld 28. Das ist ein Kompromiss. Ich respektiere Kompromisse nicht besonders, aber ich akzeptiere sie.
Abschnitt 5
Das Ende
Dann gewinnt jemand. Meistens ist es dasselbe Kind — nicht weil es besser würfelt, sondern weil es kühler bleibt als alle anderen. Es zieht konsequent, schlägt nicht unnötig, kommt pünktlich nach Hause. Der Rest des Tisches ist noch im Mittelteil. Man gratuliert. Das Kind nimmt die Gratulation ruhig entgegen. Die anderen spielen noch ein bisschen, bis auch der Zweite fertig ist, dann bricht das Spiel zusammen, weil es spät ist und weil die Energie weg ist. Man räumt ein. Die Steine kommen in die Schachtel. Die Schachtel kommt in den Schrank. Draussen regnet es noch. Drinnen ist es warm. Jemand sagt: das war eigentlich schön. Das stimmt. Auch wenn es nicht perfekt war. Oder vielleicht gerade deshalb.
Das Kind hat gewonnen. Ich hatte den zweitbesten Spielstand zu diesem Zeitpunkt. Ich halte das für erwähnenswert. Niemand sonst tut es.
Was der Spieleabend mit Planung zu tun hat
Nichts — und doch: wer einen Familienurlaub plant, weiss, dass die besten Abende oft die sind, auf die man sich nicht vorbereitet hat. Der Spieleabend entsteht, wenn das Programm aufgehört hat und die Familie einfach zusammen ist. Kein Ausflug, kein Restaurant, kein Plan. Nur ein Tisch, ein Würfelspiel und die stille Einigung, dass man das jetzt zusammen macht — auch wenn man verschiedene Hausregeln hat.
Bei planaway lässt sich im Voraus abstimmen, welche Abende freigeplant bleiben sollen. Keine Aktivität, kein Muss — nur Raum für das, was sich ergibt. Manchmal ergibt sich ein Spieleabend. Manchmal gewinnt dasselbe Kind. Beides ist in Ordnung.

Murmeli hat die Spielregeln gelesen. Murmeli hat sie erklärt. Murmeli hat zweimal eine Eins gewürfelt und seinen Stein nie aus dem Startfeld gebracht. Murmeli hält das für Pech.

