Die Bergbahn war nicht geplant. Sie stand einfach da, mit einem Schild. Dann hat ein Kind gefragt. Und jetzt sind alle drin — sieben Minuten über dem Abgrund, in einer Gondel für zwölf Personen, in der vierzehn drin sind.
Es gibt Urlaubsmomente, die man wählt, und solche, in die man hineingezogen wird. Die Bergbahn ist fast immer Letzteres. Niemand steht morgens auf und denkt: Heute fahre ich mit der ganzen Familie in einer Stahlkabine einen Berg hoch und zahle CHF 7.50 für eine heiße Schokolade. Und doch passiert es. Weil ein Schild da ist. Weil ein Kind fragt. Weil niemand schnell genug Nein sagt.
Abschnitt 1
Die Entscheidung
Die Bergbahn stand auf keiner Liste. Sie war einfach da — unten am Dorf, mit einem Schild, das «Panoramablick» versprach und eine Zahl nannte, die man lieber nicht laut aussprach. Dann hat das jüngere Kind das Schild gelesen. Dann hat es gefragt. Dann hat niemand schnell genug «Nein» gesagt. Und jetzt steht man in der Schlange. Es ist halb zehn Uhr morgens, die Sonne brennt bereits und vor einem warten mindestens vierzig Personen, von denen zwanzig Wanderstöcke tragen, die sie in der Gondel niemals alle gleichzeitig aufstellen können. Man überlegt kurz, ob man es als «spontanes Abenteuer» oder als «schlechte Planung» verbucht. Am Ende ist das dasselbe.
Spontan ist das neue Wort für: Ich habe nicht nachgedacht. Das sage ich ohne Urteil. Ich tue das auch.
Abschnitt 2
Die Warteschlange
Vierzig Minuten in der Sonne. Das Kind, das die ganze Sache angefangen hat, fragt nach zehn Minuten, ob man bald dran ist. Nach zwanzig Minuten fragt es, warum die Leute vor ihnen so langsam gehen. Nach dreissig Minuten fragt es, ob man eigentlich oben auch ein WC hat. Man sagt: Sicher. Man weiss es nicht. Hinten in der Schlange gibt es eine Familie, bei der einer der Väter laut erklärt, wie Gondeln funktionieren — Tragseil, Fahrseil, Klemme, Notbremse. Die Kinder hören zu. Die Erwachsenen auch, heimlich. Es beruhigt ein bisschen. Dann sagt er: «Bisher ist noch nie eine runtergestürzt.» Dann ist es wieder nicht beruhigend.
Er sagte «bisher». Ich habe das gehört. Alle haben das gehört. Niemand hat etwas gesagt.
Abschnitt 3
Die Gondel
Zwölf Personen passen rein, steht an der Tür. Es sind dann doch vierzehn. Niemand sagt etwas, weil die Kabinentür schon zu ist und man eh nichts mehr ändern kann. Die Gondel fährt los. Das ist der Moment, wo man merkt, dass man sich über Höhenangst nie wirklich klar geworden ist. Man steht, weil kein Sitz frei ist, und hält sich an einer Stange fest, die kalt ist und an der sich auch noch drei andere festhalten. Draussen wird der Boden kleiner. Die Tannen unten sehen aus wie Brokkoli. Das Kind drückt sein Gesicht an die Scheibe und macht «oooooh». Der andere Erwachsene macht ein Foto. Man lächelt für das Foto. Man hofft, dass das Lächeln natürlich aussieht.
Ich habe die ganze Zeit auf das Seil geschaut. Nicht weil ich Angst hatte. Weil ich es interessant fand. Das ist eine völlig andere Sache.
Abschnitt 4
Oben
Oben sind zwölf Grad weniger als unten, und man hat keine Jacke mitgenommen, weil es unten warm war. Das Restaurant ist da, wie angekündigt, mit Preisen, die sich wie ein Scherz anfühlen, bis man merkt, dass sie es ernst meinen. Eine heiße Schokolade für das Kind: CHF 7.50. Man bestellt sie trotzdem, weil das Kind gerade so glücklich aussieht, dass man einen kurzen Moment lang alles vergisst — die Schlange, die Gondel, den Preis. Der Panoramaweg führt durch leichten Nebel, der sich gelegentlich teilt. Irgendwo dahinter soll ein Gipfel sein. Man glaubt es. Man sieht ihn nicht. Stattdessen sieht man Wolken, Steine, Enzian und eine Gruppe Rentner, die alle einen Hut tragen und viel fröhlicher wirken als alle anderen.
CHF 7.50 für heiße Schokolade. Ich sage das nur zur Dokumentation. Nicht aus Protest. Die Schokolade war gut.
Abschnitt 5
Die Rückkehr
Beim Abstieg fragt das ältere Kind, ob man jetzt den Wanderweg nehmen könnte — der sehe auf der Karte gut aus, zwei Stunden, nicht steil. Man schaut die Karte an. Man schaut auf die Schuhe aller Beteiligten. Man schaut auf die Wolken. Man sagt: Nächstes Mal. Das Kind sagt: Das sagst du immer. Stimmt. Man fährt wieder mit der Gondel runter. Diesmal ist die Kabine weniger voll. Man hat einen Platz an der Scheibe. Die Tannen unten werden grösser. Der Boden kommt zurück. Unten steigt man aus, die Sonne ist noch da, und das Kind sagt: Das war das Beste an diesem ganzen Urlaub. Besser als der Pool. Man weiss, dass das nicht stimmt. Aber heute stimmt es kurz.
Das Kind sagte «das Beste am ganzen Urlaub». Ich habe das aufgeschrieben. Zur Sicherheit. Falls nächstes Jahr jemand fragt, was wir machen sollen.
Was die Bergbahn eigentlich ist
Die Bergbahn ist keine Attraktion. Sie ist ein Test. Man erfährt in sieben Minuten, wer in der Familie Höhenangst hat und es nicht zugibt, wer sofort ein Foto macht, wer auf das Seil schaut, und wer einfach glücklich ist, weil er zum ersten Mal über den Baumwipfeln schwebt. Das letzte ist meistens das jüngste Kind. Das erste meistens jemand, der vorher drei Mal «ich habe keine Angst vor Höhen» gesagt hat.
Bei planaway kann man die Bergbahn nicht abstimmen lassen — sie kommt einfach. Aber man kann planen, wer überhaupt mitkommt, welcher Tag freier ist, und ob die Schuhe passen, falls doch jemand auf den Wanderweg besteht. Nächstes Mal. Wirklich.

Murmeli hat sich am Notgriff festgehalten — nicht aus Angst, sondern weil es bequemer war. Hat die ganze Fahrt gepfiffen. Hat oben eine heiße Schokolade getrunken, ohne auf den Preis zu schauen. Lebt so.

