Ein Ruderboot auf einem Bergsee ist eine gute Idee. Das steht ausser Frage. Die Frage ist, wer rudert, wohin man fährt, warum das Boot sich dauernd dreht und ob der Hut des Kindes wasserdicht ist. Die Antworten auf diese Fragen findet man im Laufe der Stunde heraus — meistens auf die anschaulichste Art.
Das Schöne am Boot ist, dass man nicht ankommen muss. Man fährt, das Wasser bewegt sich unter einem, und für eine Weile gibt es keine nächste Sehenswürdigkeit und keinen Spielplatz, der besichtigt werden müsste. Nur den See, das Boot und vier Menschen mit vier Meinungen darüber, was «geradeaus» bedeutet.
Abschnitt 1
Das Boot
Am Bootssteg gibt es drei Möglichkeiten: Ruderboot, Tretboot und ein Kajak, das nur für eine Person ist. Das Kajak scheidet aus. Das Tretboot wird abgelehnt, weil jemand sagt, dass Tretboote «komisch» sind, ohne das näher zu erläutern. Also nimmt man das Ruderboot. Der Mann an der Bootsvermietung erklärt kurz, wie man rudert: rechts, links, gleichmässig, immer schön in die Mitte schauen. Das klingt einfach. Es ist einfach. Zumindest für etwa zwanzig Meter. Dann dreht das Boot sachte nach links, und man merkt, dass «gleichmässig» eine Fähigkeit ist, die man offensichtlich unterschätzt hat. Man rudert stärker rechts. Das Boot dreht nach rechts. Man versucht es anders. Das Boot beschreibt einen kleinen Bogen und zeigt nun wieder in Richtung Steg, von dem man gerade weggefahren ist.
Ich hätte das Tretboot genommen. Tretboote sind aerodynamisch überlegen, erlauben Handfreiheit und bringen beide Antriebsparteien zu gleicher Leistung. Ich habe nichts gesagt. Ich rudere jetzt.
Abschnitt 2
Die Richtung
Die Frage, wohin man eigentlich fahren will, stellt sich erst auf dem Wasser. Auf dem Steg war das Ziel klar: «ein bisschen raus auf den See». Auf dem See gibt es aber keine Richtungsschilder, und «ein bisschen raus» kann je nach Familienmitglied bedeuten: bis zur kleinen Felsinsel, bis zu den Segelbooten drüben, einmal quer und zurück, oder einfach irgendwo in die Mitte, wo es am tiefsten aussieht. Alle vier haben eine Meinung. Die Meinungen widersprechen sich nicht grundsätzlich, aber sie liegen in vier verschiedenen Himmelsrichtungen. Man einigt sich auf «geradeaus», was schnell daran scheitert, dass «geradeaus» vom Boot aus für jede Person anders aussieht, je nachdem, in welche Richtung man sitzt.
Ich hatte auf meinem Telefon eine Kompass-App. Die habe ich nicht erwähnt. Es schien im Moment nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.
Abschnitt 3
Die Kinder
Die Kinder sind zufrieden. Das ist das Überraschende an der Bootsfahrt: Die Kinder brauchen kein Ziel, keine Richtung, keine Aktivität. Das ältere Kind hängt den rechten Arm über den Bootsrand und lässt die Finger im Wasser gleiten, die Augen halb geschlossen, ein kleines Lächeln. Das jüngere Kind hat Interesse an allem, was unter der Wasseroberfläche passiert, und schaut mit dem Gesicht so nah wie möglich ans Wasser, dass man es mehrfach am Kragen zurückzieht. Beide beklagen sich nicht. Beide fragen nicht, wann man wieder zurückfährt. Beide fragen nicht nach ihrem Handy. Das ist ein seltener Zustand. Man fährt langsam, und der See macht das Richtige: Er schwankt ein bisschen, er glitzert, er riecht nach nichts Besonderem, und trotzdem ist es gut.
Das jüngere Kind hat einen Stein vom Seegrund gefischt und ihn ins Boot gelegt. Ich weiss nicht, wie. Ich frage lieber nicht, wie.
Abschnitt 4
Der Hut
Auf dem See gibt es Wind. Nicht viel Wind, aber genug. Genug für den Strohhut des jüngeren Kindes, der sich kurz vor der Wende lüftet, einen Moment auf dem Kopf tanzt und dann — in einer geschmeidigen Bewegung, die fast elegant wirkt — vom Kopf fällt und auf dem Wasser landet, zwei Meter vom Boot entfernt, langsam treibend. Das Kind schaut dem Hut nach. Der Hut treibt. Man rudert in Richtung Hut. Der Hut treibt in eine andere Richtung. Man rudert nach. Das Boot dreht sich. Man korrigiert. Der Hut liegt jetzt drei Meter entfernt und dreht sich auch ein bisschen. Es dauert vier Minuten und einen kurzen Gefühlsausbruch über die Rudertechnik, bis der Hut gerettet ist. Das Kind setzt ihn wieder auf. Jemand sagt: «Den Hut lieber festhalten.» Das Kind nickt. Drei Minuten später lüftet sich der Hut erneut.
Ich habe den Hut beim ersten Mal gefangen. Das wurde nicht weiter kommentiert. Beim zweiten Mal habe ich abgewartet, wie es ohne mich läuft.
Abschnitt 5
Die Rückfahrt
Der Rückweg dauert länger als die Hinfahrt. Das ist beim Ruderboot immer so, und niemand kann es erklären. Die Physik gibt keine Auskunft, der Wind hat sich leicht gedreht, und der Steg ist weiter entfernt als erwartet. Man rudert gleichmässig, beide Seiten, man schaut in die Mitte. Das Boot fährt geradeaus. Es funktioniert jetzt, nach einer Stunde, viel besser als zu Beginn — und man merkt, dass man diese Erkenntnis nicht mit nach Hause nehmen wird, weil beim nächsten Mal alles wieder von vorne anfängt. Am Steg gibt man das Boot zurück. Der Mann fragt, ob es schön war. Es war schön. Das ist das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann: Es war schön, auch wenn man zweimal im Kreis gefahren ist, der Hut einmal auf dem See lag und die Richtungsfrage nie wirklich beantwortet wurde. Der See ist noch da, und er hat alles gesehen.
Wir haben den Steg beim ersten Anlegen leicht verfehlt und sind leicht dagegen gefahren. Der Mann an der Bootsvermietung hat geschaut. Ich habe weggeschaut. Wir haben das nicht weiter thematisiert.
Was das Boot kann
Das Ruderboot schafft etwas, das viele Ausflüge nicht schaffen: Es verlangsamt alles. Man kommt nicht schnell irgendwohin. Man kommt langsam irgendwo in die Nähe davon hin. Und in dieser Langsamkeit reden die Kinder, schauen Erwachsene auf das Wasser, und niemand fragt nach dem Rückweg, bevor der Rückweg anfängt.
Bei planaway lässt sich die Bootsfahrt vorher abstimmen — Ruderboot oder Tretboot? Morgens oder nachmittags? Mit Picknick oder ohne? Eine kurze Runde der Stimmen, und man fährt mit einem Boot statt mit vier verschiedenen Vorstellungen. Den Hut muss man trotzdem selbst festhalten. Das ist nicht planbar.

Murmeli hat sich im Bug niedergelassen, die Pfoten übers Wasser gehalten und exakt nichts zum Rudern beigetragen. Das nennt sich Urlaubsprivileg.

