15. September 2026 · 5 Min Lesezeit

Die lange Autofahrt: Wann sind wir da, warum ist es so heiss, und wer hat das letzte Gummibärchen

Handgezeichnete Kinderbuch-Szene: Vollgepacktes Familienauto auf einer Alpenstrasse, durch die Heckscheibe sieht man zwei Kinder in völlig verschiedenen Körperhaltungen, eine Hand reicht Snacks nach hinten, Murmeli sitzt auf dem Dachgepäckträger mit einem Schild 'Noch 3 Stunden'

Die lange Autofahrt ist ein eigenständiges Urlaubserlebnis, das dem eigentlichen Urlaub vorausgeht und trotzdem schon dazugehört. Sieben Stunden gemeinsam in einem Fahrzeug. Einer schläft, einer klagt, einer fragt alle zwanzig Minuten nach dem Ankunftszeitpunkt — und am Ende erinnern sich alle irgendwie daran, auch wenn sie sagen, sie erinnern sich nicht.

Die Autofahrt ist kein Problem, das man optimiert. Man kann die Route planen, die Snacks vorbereiten, die Klimaanlage auf Mittelwert stellen. Dann passiert trotzdem die Raststätte, die Hitze, das schlafende Kind, das wache Kind, die dritte Stunde. Das gehört dazu. Familien, die zu mehreren im Auto sitzen, teilen nicht nur die Strecke, sondern auch die Tatsache, dass es diese Strecke braucht.

Abschnitt 1

Die erste Stunde

Die erste Stunde der langen Autofahrt ist gut. Man ist ausgeschlafen, die Thermos ist voll, das Navi sagt sieben Stunden und vierundzwanzig Minuten, und alle finden das akzeptabel. Die Kinder schauen aus dem Fenster. Jemand sieht eine Kuh und ruft es aus. Ein anderes Kind sieht ebenfalls eine Kuh und ruft es ebenfalls aus, eine Minute später, als handle es sich um eine andere Kuh. Es ist dieselbe Kuh. Man ist jetzt achtzehn Kilometer von zuhause entfernt. Die Kinder fragen, wann wir ankommen. Man sagt: in sieben Stunden. Die Kinder fragen, ob das lang ist. Man sagt ja. Die Kinder sagen nichts. Fünf Minuten später fragt eines, ob es jetzt Snacks gibt. Der Snack-Beutel ist hinten auf dem Gepäck verstaut, nicht griffbereit, und war es von Anfang an nicht, weil man dachte, man würde ihn erst nach zwei Stunden öffnen. Das war ein Fehler.

Grummeli kommentiertIch habe den Snack-Beutel griffbereit platziert. In der Tasche am Beifahrersitz. Niemand hat danach gefragt. Niemand hat ihn gefunden. Er ist noch da.

Abschnitt 2

Die Raststätte

Man hält nach neunzig Minuten. Nicht weil man müsste, sondern weil das Kind auf der rechten Seite leise und ausdauernd angekündigt hat, es brauche «vielleicht bald» die Toilette. «Vielleicht bald» bedeutet bei Kindern: sofort, und das schon seit einer Weile. Die Raststätte ist eine von jenen, die einerseits alles anbieten und andererseits nichts davon braucht. Ein Kind möchte ein Eis. Das andere Kind möchte kein Eis, sondern Chips. Man kauft das Eis. Man kauft die Chips. Ein Erwachsener möchte einen Kaffee. Der Kaffee kostet vier Franken und schmeckt nach heissem Wasser mit Erinnerungen. Man trinkt ihn. Beim Rausgehen fragt ein Kind, ob man bald da ist. Man sagt: in fünf Stunden und dreissig Minuten. Das Kind nickt, als wäre das eine Information, die man verarbeiten kann.

Grummeli kommentiertDer Kaffee war vier Franken. Ich habe geschwiegen. Manchmal ist Schweigen die ehrlichste Aussage.

Abschnitt 3

Die Hitze

Irgendwo nach der zweiten Stunde wird es warm im Auto. Die Klimaanlage läuft auf Stufe zwei, was für zwei der vier Insassen zu kalt ist und für die anderen zwei zu warm. Man regelt auf Stufe eins. Eine Person friert. Man regelt auf Stufe zwei. Eine andere Person schwitzt. Man findet keine Lösung, weil es keine gibt: Familienautos haben eine Klimaanlage, aber die Körpertemperatur verhandelt man individuell. Das Kind auf der Sonnenseite zieht das Sonnenschutzrollo herunter. Das Kind auf der anderen Seite findet das komisch und zieht es wieder hoch. Es folgt eine kurze, intensive Debatte über Sonnenschutz, Hitze und Gerechtigkeit. Jemand öffnet das Fenster einen Spalt. Der Wind macht ein Geräusch. Das Navi verliert kurz das Signal. Alles normalisiert sich wieder. Draussen sind die Berge. Sie stehen ruhig da und schweigen über die Klimaanlage.

Grummeli kommentiertIch habe auf der Schattenseite gesessen. Das war Planung, nicht Zufall. Ich sage das explizit, weil es sonst niemand sagt.

Abschnitt 4

Die dritte Stunde

In der dritten Stunde schläft ein Kind. Das andere Kind schläft nicht und ist der Meinung, das schlafende Kind habe zu viel Platz. Das ist objektiv wahr, weil das schlafende Kind quer liegt und den Ellbogen in die Seite des wachen Kindes stützt. Man greift nicht ein, weil Eingreifen das schlafende Kind aufweckt und das wache Kind bestätigt. Man schaut geradeaus. Das Navi sagt noch drei Stunden und elf Minuten. Das wache Kind fragt, ob man ein Spiel spielen möchte. Man spielt «Ich sehe was, was du nicht siehst». Man gewinnt dreimal hintereinander mit «der Himmel», weil der Himmel immer blau ist und niemand darauf kommt. Das wache Kind findet das unfair. Man erklärt, dass das Spiel keine Fairness-Regeln kennt. Das Kind schaut aus dem Fenster. Man fährt weiter.

Grummeli kommentiertIch sehe was, was du nicht siehst, und es ist die Tatsache, dass wir erst bei der Hälfte sind. Ich habe es nicht gesagt. Das wäre kein Spiel mehr gewesen.

Abschnitt 5

Die Ankunft

Die letzten zwanzig Minuten ziehen sich. Man weiss, dass das so ist, und trotzdem. Das Navi zeigt die richtige Ortschaft, aber noch eine Kurve, noch ein Dorf, noch ein Kreisel. Das schlafende Kind wacht auf und fragt: «Sind wir da?» — «Fast.» Das wache Kind fragt: «Wann genau?» — «Sieben Minuten.» Vier Minuten später fragt jemand wieder. Man fährt in die Zufahrt des Ferienhauses. Das Auto hält. Für einen kurzen Moment sagt niemand etwas. Dann öffnet ein Kind die Tür und läuft ins Gras, einfach so, ohne Ziel, weil Gras da ist und Gras nicht Rücksitz ist. Das andere Kind folgt. Ein Erwachsener steht neben dem Auto und streckt den Rücken. Es dauert drei Sekunden, dann wird das erste Gepäckstück gesucht. Die Fahrt ist vorbei. Das war sie wert. Man weiss das — ein bisschen später, wenn man in der Küche des Ferienhauses steht und die Tür aufgeht und die Luft anders riecht.

Grummeli kommentiertSieben Stunden und acht Minuten. Ich habe die Endzeit notiert. Nicht weil es wichtig ist. Einfach so.

Was die Fahrt mit dem Urlaub zu tun hat

Die lange Autofahrt ist der einzige Moment im Familienurlaub, an dem niemand irgendwo hingehen kann. Das Ferienhaus wartet. Der Pool wartet. Die Berge warten. Alle sitzen im Auto und warten gemeinsam. Das klingt nach einer Beschränkung und ist in Wahrheit etwas anderes: eine erzwungene Gemeinschaft, die man sich nicht aussucht und die trotzdem funktioniert — auf ihre etwas chaotische, etwas laute, etwas schwitzig-müde Art.

Bei planaway lässt sich vor dem Urlaub abstimmen, wer im Auto mit wem fährt, wer die Snacks mitbringt, und wo die erste Pause sein soll. Kleine Abstimmungen, die grosse Diskussionen auf der Autobahn ersetzen. Die Klimaanlage regelt man dann trotzdem selbst — da kann planaway nichts tun.

Murmeli mit Reisekarte und Thermosflasche

Murmeli hat die Route berechnet, die Snacks sortiert und einen Raststätten-Plan erstellt. Murmeli hat vergessen, den Snack-Beutel griffbereit zu legen. Murmeli arbeitet daran.

Grummeli mit Kaffee nach langer Fahrt