Ein Tretboot mieten klingt unkompliziert. Man sitzt, man tritt, man fährt. Was die Beschreibung weglässt: das Steuerrad ist ein Gesprächsthema, die Arbeitsteilung verhandelt sich von selbst, und das Anlegen am Ende ist eine eigene Disziplin. Der Moment in der Mitte des Sees, wenn niemand mehr tritt und alle einfach schauen — der fehlt in der Beschreibung auch.
Tretboote sind demokratische Fahrzeuge. Jeder tritt, niemand lenkt wirklich, und am Ende landet man meistens dort, wo man nicht hinwollte. Das ist kein Fehler. Das ist das Konzept — und irgendwie auch das, was Familienurlaub ausmacht.
Abschnitt 1
Die Verleihstation
An der Verleihstation gibt es mehrere Grössen: das Zweier-Boot, das Vierer-Boot und das Vierer-Boot-mit-Rutsche-für-Aufpreis. Letzteres will natürlich jeder, ausser dem, der bezahlt. Man einigt sich auf das normale Vierer-Boot, dafür zieht die Person die zahlt ein gesichtsloses Lächeln auf, das sagt: "Ich habe nicht gesagt, ich will keine Rutsche, ich habe gesagt, wir brauchen keine Rutsche." Die Rettungswesten sind in einer Grösse erhältlich, die irgendwo zwischen Kindermedium und Erwachsenenklein liegt und niemanden richtig passt. Man schnallt sie trotzdem fest, weil die Frau an der Station einen Blick hat, der keine Diskussion duldet. Dann bekommt man erklärt, wie das Tretboot funktioniert: treten, Steuerrad drehen. Fertig. Man nickt. Man hat das verstanden. Das Steuerrad wird dennoch das zentrale Streitobjekt der nächsten Stunde werden.
Ich habe vorher gegoogelt, wie Tretboote lenken. Das Steuerrad dreht die Ruder hinten. Es gibt einen Wendekreis. Ich habe ihn respektiert. Die anderen nicht.
Abschnitt 2
Das Ablegen
Das Ablegen von einem Holzsteg ist einfacher als das Anlegen, das lernt man am Ende. Beim Ablegen drückt man sich einfach ab, tritt los und ist weg. Beim Ablegen stösst man noch kurz den Steg an, weil das Steuerrad falsch stand, aber das ist egal — man ist auf dem Wasser, die Sonne scheint, irgendwo quakt eine Ente. Das erste Ziel ist schnell benannt: die Insel da drüben. Oder das grosse Seerosenfeld. Oder einfach mal raus in die Mitte. Alle sind sich einig. Alle fangen gleichzeitig an zu treten. Das Boot dreht sich links. Oder rechts. Jemand dreht am Steuerrad. Das Boot dreht sich weiter in dieselbe Richtung. Jemand anderes dreht auch am Steuerrad. Das Boot dreht sich wieder. Nach zwei Minuten hat man ungefähr einen Halbkreis vollführt und blickt zurück auf den Steg, von dem man gerade gekommen ist.
Es gibt nur eine sinnvolle Methode: eine Person steuert, alle anderen treten. Ich habe das direkt gesagt. Man hat trotzdem alle gleichzeitig gesteuert. Ich habe dann aufgehört mitzutreten und zugeschaut.
Abschnitt 3
Die Arbeitsteilung
Auf einem Tretboot gibt es drei Rollen: Treter, Steurer und Mitfahrer. Mitfahrer sitzt dabei und schaut aus. In der Theorie treten alle, ausser dem, der lenkt. In der Praxis hört immer jemand heimlich auf zu treten — weil die Aussicht so schön ist, weil man gerade ein Foto macht, weil man müde ist oder einfach weil es niemand merkt. Man merkt es trotzdem. Derjenige, der wirklich tritt, merkt es zuerst: das Boot wird langsamer, zieht leicht zu einer Seite. Die Schuhe der anderen bewegen sich nicht mehr. Ein kurzes Räuspern. Ein betontes Auftreten. Meistens fangen alle wieder an zu treten. Für drei Minuten. Dann irgendwo ein Schwan, und schon macht jemand wieder ein Foto. So kommt man trotzdem voran. Nur nicht besonders schnell, und selten geradeaus.
Ich habe durchgetreten. Zwanzig Minuten, gleichmässig, ohne Pause. Meine Oberschenkel haben das gespürt. Das Boot hat das gespürt. Wir waren deutlich schneller als die anderen Tretboote auf dem See. Das war kein Zufall.
Abschnitt 4
Die Mitte des Sees
Irgendwann kommt man in die Mitte an, auch wenn es länger gedauert hat als geplant, und der Weg eher einem Zickzack als einer geraden Linie glich. In der Mitte ist es anders. Weiter weg vom Steg, weiter weg vom Lärm des Ufers. Das Wasser schaukelt leise unter dem Boot. Jemand streckt die Hand ins Wasser und sagt, wie kalt das ist — auch wenn alle wissen, dass es kalt sein würde. Man liegt still auf dem See und tritt nicht mehr, einfach weil es schön ist. Ein Kind lehnt über die Seite und schaut nach unten. Ein Erwachsener macht ein Foto von einem Erwachsenen, der eigentlich kein Foto machen lassen wollte, aber jetzt trotzdem lächelt. Für einige Minuten redet niemand über Richtung, über Steuerrad, über wer wie viel getreten hat. Man ist einfach da. Das ist der Moment, für den man das Tretboot gemietet hat, auch wenn man das vorher nicht gewusst hat.
In der Mitte des Sees ist die Akustik gut. Man hört die Entenschreie klarer. Ich habe das bemerkt. Ich habe es für mich behalten.
Abschnitt 5
Das Anlegen
Das Anlegen ist schwieriger als das Ablegen. Das weiss man vorher nicht und danach zu gut. Der Steg kommt näher, man tritt noch ein bisschen, dreht am Steuerrad, das Boot dreht sich leicht falsch, man tritt weniger, das Boot hat immer noch Schwung, tritt man rückwärts? Kann man das? Jemand streckt die Hand aus und schiebt sich am Steg ab — das funktioniert nicht, der Steg ist zu weit weg. Das Boot schaukelt. Man tritt wieder etwas an, dreht das Steuerrad, nähert sich nochmal. Beim zweiten Versuch klappt es besser. Beim dritten landet man sauber. Die Frau von der Verleihstation hat alles gesehen und sagt nichts. Ihr Gesicht sagt aber alles. Man streckt ihr das Seil hin. Sie bindet es fest. Die Rettungswesten gibt man ab. Man geht den Steg entlang, die Beine fühlen sich komisch an nach dem Treten, leicht und schwer zugleich. Jemand sagt: Das machen wir nächstes Jahr wieder. Alle nicken, obwohl es gerade noch anstrengend war.
Ich habe beim Anlegen das Boot auf Anhieb parallel zum Steg gebracht. Ich hatte einen Plan: Abstand halten, dann rechtzeitig drehen. Es hat funktioniert. Das hätte jeder gekonnt, wenn jemand gelenkt hätte.
Was das mit gemeinsamer Planung zu tun hat
Tretboote brauchen keine Planung — man kommt am See an, sieht den Verleih, und fünf Minuten später sitzt man auf dem Wasser. Das ist das Schöne. Was trotzdem hilft: vorher kurz klären, wer eigentlich mitkommen will. Wer hat Lust? Wer würde lieber am Ufer bleiben und ein Buch lesen? Wer muss mit, obwohl er nicht will, weil alle anderen wollen? Eine kurze Abstimmung in planaway spart den Steg-Moment, bei dem jemand missmutig in eine Rettungsweste steigt, die nicht passt.
Das Steuerrad teilen muss man danach trotzdem selbst aushandeln. Das kann planaway nicht übernehmen.

Murmeli hat durchgetreten. Murmeli hat das Steuerrad meistens in Ruhe gelassen. Murmeli hat in der Mitte des Sees eine Ente aus der Nähe gesehen und das für sich als Höhepunkt des Tages gewertet.

